16. Dezember 2009

Kopenhagen: KritikerInnen in die Knäste?

Tadzio Müller, Sprecher der Climate Justice Action, weiter in Haft

Während beim Kopenhagener Klimagipfel die Repression gegen Proteste und Kritik heute weitere absurde Höhepunkte erreichte (vor allem die vorbeugende Festnahme von 1.000 DemonstrantInnen bei der Großdemonstration am Samstag und von 200 weiteren DemonstrantInnen am Sonntag), wurde am Dienstag (15.12.) einer der Sprecher der globalen Klimagerechtigkeitsbewegung, der Autor und Wissenschaftler Tadzio Müller, von einer Pressekonferenz des weltweiten Netzwerks Climate Justice Action (CJA) zum heutigen Aktionstag (16.12.) weg verhaftet.

Ein Polizeisprecher warf Tadzio Müller "Widerstand gegen die Staatsgewalt" und "Unruhestiftung" vor; er wurde heute einem Gericht vorgeführt, die Öffentlichkeit blieb dabei mit Hinweis auf sensibles Beweismaterial (laut Polizei abgehörte Telefone) ausgesperrt. Er soll laut seiner Anwältin weitere drei Tage inhaftiert bleiben und dann erneut dem Haftrichter vorgeführt werden. Updates dazu hier bei Turbulence und bei Gegenstrom Berlin. – Inzwischen gibt es eine Petition zur Freilassung von Tadzio Müller und den anderen Klimagefangenen zum Mitzeichnen. (Für den Überblick noch eine Linkssammlung bei der RLS sowie eine Solidaritätsseite bei Facebook.)

Update 19.12.:
Während etliche KlimaaktivistInnen in Kopenhagen noch in Haft sind, wurde CJA-Sprecher Tadzio Müller heute nachmittag nach vier Tagen endlich aus der Haft entlassen, die Vorwürfe werden allerdings aufrecht erhalten.

Mindestens zwei weitere SprecherInnen von CJA sind im Laufe des Mittwochs am Rande von Demonstrationen verhaftet worden. Insbesondere nach den Massenfestnahmen vom Wochenende kann gesagt werden, dass sich Befürchtungen im Vorfeld in Bezug auf umfassende, präventive Einschränkungen von bürgerlichen Rechten bestätigt haben. Offenbar soll nicht nur jeglicher Protest in der Nähe des Tagungsgeländes unterbunden, sondern auch Kritik quasi bestraft werden.

Naomi Klein hierzu treffend: „Die Polizei glaubt offenbar, den Protest dadurch stoppen zu können, dass sie einige der Köpfe dahinter verhaftet. Aber wir werden morgen trotzdem zu Tausenden auf der Straße sein!“

Aus einer Protestnote der Rosa-Luxemburg-Stiftung:
Die Rosa-Luxemburg-Stiftung zeigt sich solidarisch mit den Demonstrationen gegen das drohende Scheitern des UN-Weltklimagipfels in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. "Gewaltfreier Protest ist dringend nötig", sagte das geschäftsführende Vorstandsmitglied Florian Weis. Angesichts des Stillstands bei den Verhandlungen könne nur starke gesellschaftliche Gegenwehr für ein Umdenken in der Klimafrage bei den Industriestaaten und führenden Schwellenländern sorgen.
Scharfe Kritik ruft das Vorgehen der dänischen Polizei gegen Demonstrantinnen und Demonstranten während der Gipfeltage hervor.
Im Redaktionsblog Magazin prager frühling.

20. November 2009

Dienstlicher Umzug

Kontaktdaten aktualisiert:
Zum 25. November 09 löse ich mein Arbeitsbüro in der Weydingerstraße 14-16 in 10178 Berlin auf, künftig bin ich direkt über das Berliner Bundestagsbüro meiner Chefin (derzeit im Jakob-Kaiser-Haus, in Kürze im Paul-Löbe-Haus) erreichbar, siehe hier in meinen aktualisierten Kontaktinformationen.
Die bisherige Telefon-Nummer 030-24 00 96 36 dann bitte ebenfalls nicht weiter verwenden!

Update 18.02.10:
Ab heute bin ich auch endlich über unser neues Bundestagsbüro erreichbar, im Paul-Löbe-Haus (PLH E.245), Konrad-Adenauer-Straße 1, 10557 Berlin.

Meine aktuellen dienstlichen Kontaktinformationen:
(Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundestagsabgeordneten Katja Kipping)
Norbert Schepers
Büro Katja Kipping, MdB
Platz der Republik 1, 11011 Berlin, Germany
Fon: (+49) 030-22 77 05 26, Fax: -22 77 65 26
Mail: mail [at] katja [dash] kipping [dot] de
Sprechzeiten: in der Regel Montags bis Mittwochs

13. November 2009

Surviving in the »Creative Industries«

ÜberLeben in den »Creative Industries« – Zwischen Lust und Last des Informellen
Surviving in the »Creative Industries« – Joy and burden of the informal
Internationale Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung, connexx.av u.a.
Prater der Volksbühne Berlin, 13./14.11.09
The »Creative Industries« are considered key to the city development in the 21st Century. Cities such as Berlin put them at the center of image and location policy. The debates are mainly of benefit to the economy and capital development at the forefront - the changed living and working conditions of creative people are in contrast scarcely taken into view. They will be the topic of the congress. The digital revolution in production and distribution, the struggles for intellectual property and realization rights, more flexible corporate structures and labour relations, the project form of work and the privatization of cultural institutions have changed jobs and lifestyles as subjectivities.

An unwieldy number of opportunities face enormous competition for jobs and contracts, increased chances of expression the pressure of conformity by the market, more self-determination the self-exploitation in informal and precarious employment relationships and with unfettered income at the same time.

Commercialization and gentrification displace the Creative of the Creative Cities, resistance and misfits are transformed and integrated. But the city, work, and life remain highly competitive. Survival in the »Creative Industries« is to be interpreted from different sites and with different shapes: scientific analysis meets journalistic opinion and literary, cinematic and performing art form.
Schönes Programm, hingehen!
(Was ich selbst tun würde, wäre ich nicht im relevanten Maße krank.)

2. Oktober 2009

SPD: Lieber tot als rot

"Lieber tot als rot" ist der Kommentar der Titelsite der heutigen taz überschrieben. Aktueller Anlass ist die Entscheidung der Thüringer SPD, lieber Juniorpartnerin der CDU zu sein und das "System Althaus" fortzusetzen, als mit Rot-rot-grün das eigene Wahlprogramm umzusetzen. Ein treffender Kommentar von Stefan Reinecke: "Es ist eine weitere Etappe in dem Niedergang der SPD." (Mit gleichem Titel übrigens einen Tag vorher der Spiegelfechter zum gleichen Thema.)
Etwas rustikaler hieß es übrigens mal wieder an unterschiedlicher Stelle bei Twitter: "SPD, geh sterben." Mir scheint, das tut sie schon.
Offenbar muss für eine Erneuerung der SPD der tiefe Fall zuerst ganz ausgekostet werden. Der Applaus des konkurrierenden politischen Spektrums kann ihr gewiss sein, so z.B. bei Michael Spreng: Rote Karte für Rot-Rot-Grün.

13. September 2009

Unterschreiben gegen Sanktionen bei Hartz IV

Eine drängende und zeitgemäße sozialpolitische Forderung ist die nach einem Ende der Sanktionen bei Hartz IV. Nach der Bundestagswahl sind weitere Verschärfungen der Repressalien gegen Transfer-EmpfängerInnen nicht unwahrscheinlich.

Folgerichtig gibt es politische Initiativen, den entsprechenden Sanktionsparagrafen (§ 31 SGB II) in Frage zu stellen. Neben der weitergehenden Forderung nach einer kompletten Aufhebung der Hartz IV-Gesetzgebung (bzw. Agenda 2010) seitens der Erwerbslosenbewegung und der Partei DIE LINKE, gibt es auch in den für diese Beschlüsse verantwortlichen, damaligen Regierungsparteien SPD und B90/Grüne zunehmend die Bereitschaft – zumindest einzelner Akteure – zumindest Teilbereiche ihrer früheren Agenda 2010-Politik in Frage zu stellen.

Dies dürfte derzeit nicht für weitergehende rot-grün-rote Optionen reichen, durchaus aber für ein gemeinsames Agieren in einzelnen konkreten Projekten. – Eine Klärung, ob und wie es Substanz für eine gemeinsame Reformperspektive geben könnte, sollte Gegenstand eines neuen, unter breiter Beteiligung zu führenden Crossover-Diskurses sein.

Konkret sammelt nun ein relativ breites Bündnis Unterstützung zum gemeinsamen Aufruf für ein Sanktionsmoratorium (Aussetzung und Überprüfung der Sanktionsmaßnahmen). Seit kurzem kursieren auch Unterstützungslisten für eine Petition zur ersatzlosen des Sanktionsparagrafen 31 SGB II des Petenten Andreas Niehaus, der Parteivorstand der Linkspartei beschloss, dies zu unterstützen. Zugleich ist DIE LINKE prominent im Moratoriumsbündnis vertreten.

Die Parallelität dieser beiden Initiativen hat allerdings auch für einige Diskussionen gesorgt, mehr zum Thema in meinem Beitrag auf mindestsinn.de: Also bitte, das eine tun und das andere nicht lassen!

Update:
Die Abschaffung des Sanktionsparagrafen fordert nun auch eine Online-Petition des Petenten Ralph Boes. Unterstützt wird dies durch eine Blogger-Kampagne Sanktionen wegbloggen. Viel Erfolg!

Donnerstag ist OptOutDay!

Nach der "Freiheit statt Angst"-Demo 2009:

Donnerstag ist #OptOutDay!
Zum Mitmachen: Gemeinsam Widerspruch gegen die Weitergabe persönlicher Daten einlegen.
Nach all den Datenschutzskandalen der letzten Monate, angefangen bei der Deutschen Telekom bis hin zum Adresshandel aus Melderegistern und dem erfolgreichen Experiment von Verbraucherschützern, die sechs Millionen illegale Datensätze erfolgreich kaufen konnten, sträubt sich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und mit ihm die große Koalition immer noch dagegen, uns vor Adresshändlern und Direktmarketing-Unternehmen zu schützen.
Denn für diese Unternehmen gilt nach wie vor das sogenannte “Listenprivileg”, das es ihnen erlaubt, listenmäßig zusammengefasste, personenbezogene Daten zu erfassen und zu verarbeiten, ohne dass der Verbraucher zustimmen musste.
Wer das nicht möchte, muss dieser Datenerfassung und -weitergabe ausdrücklich widersprechen (sog. “Opt-out“). (...)
Darum werden wir am Donnerstag, den 17.09.2009, unser örtliches Bürgeramt/Rathaus aufsuchen und der Weitergabe unserer Daten ausdrücklich widersprechen. (...)
Datenschutz ist Bürgerrecht und nicht ein beliebiger Punkt im Kleingedruckten.
www.optoutday.de

12. September 2009

Freiheit statt Angst 2009

Pflichttermin, bitte teilnehmen:
Die heutige Demonstration "Freiheit statt Angst - Gegen den Überwachungswahn"
Berlin, 15 Uhr, Potsdamer Platz #fsa09

Da schon überall im Web drauf hingewiesen wurde, hier nur noch ein Verweis auf Ralf Bendrath bei netzpolitik.org: Die größte Bürgerrechts-Demo aller Zeiten steht bevor (okay, das ist diesmal etwas größenwahnsinnig – generell ist netzpolitik.org aber eine gute Informationsquelle, mal abgesehen von der gelegentlichen parteipolitischen Schieflage).

(Personal stuff: Damit mich nachher niemand vermisst, melde ich mich hier für die Demo ab. Ich habe unglücklicherweise den Tag über ein wichtiges dienstliches Arbeitstreffen, welches wegen drauf folgendem Abgabetermin unaufschiebbar ist. Schade.)
Mehr zum Thema Netzpolitik gibt es auch in diesen Blogs, zu denen ich auch gelegentlich beitrage:
www.digitale-demokratie.de
www.digitale-linke.de

Update 13-09-09:
Hier gibt es erste Fotos, hier eine erste Impression vom Blogger Fefe und hier den Rede-Beitrag von Anne Roth.

11. September 2009

Neue Politik-Tools: prognoser.de, wahlversprechen.info

Neuer Onlineservice zum Wetten auf den Wahlausgang via Microblogging soeben gestartet: Der Twitter-Wahl-Wettbewerb prognoser.de.

Per Twitter können hier Tipps zum Ausgang der Bundestagswahlen abgegeben werden. Die Bastler von Tactical Tools ("Politik-Software für Transparenz und Beteiligung") haben den Start des Prognosers für diese Nacht angekündigt.
Microblogging á la Twitter ist derzeit einer der großen Trends im Web 2.0. Prognoser.de bietet ein schlichtes, aber elegantes Interface, um individuelle Prognosen abzugeben und per Twitter zu kommunizieren – zum Start des Service geht es um das Abschneiden der Parteien bei der Bundestagswahl 2009. Das System lässt sich aber auch für weitere Prognosen wiederverwenden.

Der Tipp wird über den jeweiligen Twitter-Account abgeben und verbreitet – nach der Verifizierung wird er bei prognoser.de eingetragen. Aus der Summe aller abgegebenen Prognosen lassen sich die Durchschnittwerte ermitteln. Zum Ende des Abgabezeitraums lässt sich dann die genaueste individuelle Prognose ermitteln.
Gleichzeitig wurde die Betaphase von wahlversprechen.info, ebenfalls aus dem Hause Tactical Tools, für beendet erklärt.
Die Plattform wahlversprechen.info ist eine eigene Entwicklung von Tactical Tools – ein kollektives Langzeitgedächtnis. Unser Beitrag dazu, Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit in das politische Geschäft zurückzubringen. Es sind Wahlversprechen, mit denen Parteien, Politiker und Politikerinnen ihre gesellschaftlichen Vorstellungen und Ziele auf den Punkt bringen. Damit diese nach dem Urnengang nicht in Vergessenheit geraten, gibt es jetzt wahlversprechen.info.

Die Plattform ist übersichtlich und leicht zu bedienen. Jeder und jede kann Wahlversprechen aktueller und vergangener Wahlen eintragen, politische Aussagen beobachten und sie mit anderen diskutieren. So entsteht ein Nachschlagewerk mit frei verwendbaren Informationen – ein gemeinschaftliches Recherchewerkzeug im Netz.

Die Plattform entstand im “Superwahljahr” 2009 – in den Monaten Juni – August und basiert auf Ruby on Rails.
Ein besonders spektakulär gebrochenes Wahlversprechen ist dort bereits eingegeben: "Militärische Friedenserzwingung und Kampfeinsätze lehnen wir ab", schrieben Bündnis 90/Die Grünen in ihr Bundestagswahlprogramm 1998 - wenige Monate nach der Rot-Grünen Regierungsübernahmen war diese Position durch die Beteiligung am Kosovo-Krieg hinfällig.

Tactical-Tools produzieren "Politik-Software", verbunden mit dem Ziel, Transparenz im politischen Geschäft und den freien Zugang zu Daten der öffentlichen Hand zu fördern - und somit mehr Teilhabe zu ermöglichen. Dazu wird auch gebloggt unter opendatablog.tactical-tools.net

14. Juli 2009

Ferien

Bin jetzt offline, meistens. Ab 10. August 09 dann wieder unter den gewohnten Kontaktdaten. Dringendes per Mail auf mein Telefon, bitte ohne Anhänge und nur wirklich Wichtiges: phone at schepers dot info
Schönes Sonnen!

22. Juni 2009

Mit Wladimir Kaminer beim Italiener

Magazin »prager frühling« Nr.04: Original sanktionsfrei
Frisch erscheinen zum Linksparteitag, mit dem Schwerpunkt: "Weg mit Hartz IV! Her mit dem schönen Leben!"
Neben Beiträgen zum Hartz IV-Regime stellt die Redaktion in dieser Ausgabe auch den Infrastruktursozialismus vor. Nicht nur eine Alternative zum Hartz-IV-Regime, sondern vielleicht auch schon eine erste Vorstellung von dem, was ein schönes Leben sein könnte.

Auch dabei:
„Jede Patriotismusdebatte versetzt mich in Starre“
Mit dem „Russendisko“-Autor Wladimir Kaminer beim Italiener, das Interview von Katja Kipping und mir ist beim Magazin bereits online verfügbar.
Wir treffen Wladimir Kaminer und seine Familie bei einem Italiener im Prenzelberg. Zwischen Rotwein, Tintenfisch und Pizza kommen wir mit ihm ins Gespräch über den Kapitalismus, übers Arbeiten, übers Ausschlafen sowie über den Sex im Sozialismus.

Was es sonst noch gab:
Linksparteitag 20./21. Juni 09 in Berlin, Max-Schmeling-Halle, siehe http://tr.im/lptg09. Am Rande:
• Ausverkauf der Politik, Buchvorstellung mit Katja Kipping u.a. am Vorabend des Linksparteitages (19.), siehe http://tr.im/ausverkauf
• "Muss das denn sein?" Keine Reden, just socializing. Treffen Emanzipatorische Linke am Samstagabend (20.), siehe http://tr.im/pqM1
• Änderungsantrag zum Bundestagswahlprogramm zu Internetzugang und Open Source als öffentliche Daseinsvorsorge abgelehnt #linkspartei #fail. Deshalb umso mehr: AG Digitale Demokratie, www.digitale-demokratie.org

18. Juni 2009

Twitterliste

Microblogging ist längst bei Linken angekommen. Da manch ein Wahlmonitor-Dienst noch seine Probleme mit der Linkspartei pflegt, wird zuweilen munter so getan, als gäbe es keine Twitteratis aus diesem Umfeld, dazu siehe hier im Blog der AG Digitale Demokratie.
Einen Überblick zum Microblogging bei Twitter und Co. rund um die Partei DIE LINKE verschafft die Twitterliste im Wiki der AG Digitale Demokratie.

14. Mai 2009

In guter Gesellschaft?

Wiederholung eines Grundfehlers
In guter Gesellschaft? Die Sozialdemokratie wird als bedeutsame politische Kraft nur überleben können, wenn sie ihren Arbeitsbegriff grundlegend revidiert
Von Robert Zion und Norbert Schepers
Der Aufschrei in den konservativen Medien ob des vermeintlichen Linksrucks der Sozialdemokratie nach der Veröffentlichung des SPD-Wahlprogramms war nicht von Dauer, nachdem nüchterne Kommentatoren auf den machtpolitischen Kontext hinwiesen, in dem Schröders Erben seit geraumer Zeit operieren. Nichts Neues also unter der sozialdemokratischen Sonne? Nicht ganz.

Das von Andrea Nahles und dem Labour-Politiker Jon Cruddas vorgelegte Strategiepapier „Die gute Gesellschaft“ stellt den ersten Versuch dar, einen vorsichtigen Neuanfang nach New Labour, den Regierungsbeteiligungen im Zeichen des Neoliberalismus und dem folgenden Absturz der europäischen Sozialdemokratie zu umreißen.

Was ist nun diese “gute Gesellschaft“? Zunächst einmal eine seitenlange Abhandlung von guten Absichtserklärungen und Wertebekundungen. Immerhin, auch erste Keime von Selbstkritik finden sich in dem Papier. Man sei zu „unkritisch“ gewesen und habe den globalen Kapitalismus schlichtweg in seinen zerstörerischen Potentialen „unterschätzt“. Also Schwamm drüber, schließlich geht es um die Sozialdemokratie, die nicht nur Partei ist, sondern sich als historische Bewegung im Bewusstsein ihrer selbst versteht? Schwenkt nun in einer Art dialektischem Prozess diese Sozialdemokratie, quasi historisch notwendig, wieder auf links um? Keineswegs, denn nicht nur der globale Kapitalismus, auch die Sozialdemokratie befindet sich in einer existenziellen Krise.

Nahles/Cruddas benennen ungewollt sogar den Grundfehler von „New Labour“ und „Neuer Mitte“ – die Ursache der eigenen Krise – und zwar durch eigene Wiederholung dieses Fehlers: „Der Ausgangspunkt für ein neues Modell der Sozialdemokratie sind unsere Werte. Darauf können wir die gute Gesellschaft aufbauen.“ Die moralischen „Werte“ einer Gesellschaft aber waren nie ein Input, etwas Vorgelagertes oder gar politisch Induziertes, sie waren und sind immer Ausdruck dessen, wie die Gesellschaft ökonomisch produziert und sich damit auch kulturell reproduziert. Daran, dies nicht zu sehen sowie dem Glauben verfallen zu sein, der industriegesellschaftliche geprägte, sozialdemokratische Arbeitsethos könne als Grundwert von oben in eine sich sozial und in den Arbeits- und Lebensformen immer mehr ausdifferenzierende moderne Gesellschaft hinein gegeben werden, sind „New Labour“ und „Neue Mitte“ gescheitert, und daran würde auch „Die gute Gesellschaft“ scheitern.

Was die Sozialdemokratie geschaffen hat und auch mit Nahles/Cruddas neu schaffen könnte, ist das, was Ulrich Beck in seiner Abhandlung von der „Risikogesellschaft“ die „Verwandlung der Außenursachen in Eigenschuld, von Systemproblemen in persönliches Versagen“ genannt hat. „Selber Schuld“, lautete die Botschaft der Sozialdemokratie an ihr eigenes Klientel in Zeiten neoliberaler Deregulierung. Daher ist „New Labour“ nie „New“, sondern immer „Old Labour“ gewesen, eine autoritär gewordene Durchsetzung eines industriegesellschaftlichen Arbeitsethos in einer post-industriellen Gesellschaft, und daher war die „Neue Mitte“ nie eine „Mitte“, sondern vor allem ein „Oben“. Und wie ein Bollwerk zur Aufrechterhaltung aller Selbstzerstörungstendenzen der Sozialdemokratie, steht dann auch bei Nahles/Cruddas der Satz: „Wir werden Eigenverantwortung stärken und die Beschäftigungsfähigkeit jeder(s) einzelnen präventiv fördern.“ Das klingt wie unmittelbar bei Schröder und Blair abgeschrieben. Dort hieß es noch: „Teilzeitarbeit und geringfügige Arbeit sind besser als gar keine Arbeit.“ Katja Kipping hat dies, im Anschluss an Wilhelm Heitmeyer, „Nützlichkeitsrassismus“ genannt. Das neoliberale Modernisierungsprojekt der Sozialdemokratie, ihre „Werte“ mit einem autoritären Sozialstaat administrativ durchzusetzen, hat – ebenso wie der Nützlichkeitsrassismus – in Deutschland einen berüchtigt gewordenen Namen: „Hartz IV“.

Immerhin sagen Nahles/Cruddas aber auch: „Anspruch auf Sozialleistungen ist ein Bürgerrecht und sollte es Menschen möglich machen, mit Veränderungen und schwierigen Lebenssituationen in jeder Lebensphase fertig werden können.“ Davon, wie ernst diese Bekundung zu nehmen ist, hängt viel für die SPD ab – wahrscheinlich sogar alles. Eine Sozialdemokratie des 21. Jahrhunderts wird nur noch eine solche sein können, die ihren Arbeitsbegriff grundlegend revidiert, die die Arbeit, die gesamtgesellschaftlich getan wird, anerkennt und ohne Vorbedingungen sozial absichert, sei diese nun marktkonform oder nicht. Sonst blieben all die gut gemeinten Bekundungen über die „Demokratie“ und die „Freiheit“ pure Lippenbekenntnisse, wie auch die richtige Bemerkung: „Eine gute Gesellschaft kann nicht von oben nach unten errichtet werden, sondern kann sich nur aus einer Bewegung heraus entwickeln, die von der Bevölkerung ausgeht und ihr dient.“

Das Wort „Hartz IV“ kommt bezeichnenderweise in dem Papier von Nahles und Cruddas nicht vor. So bleibt der Verdacht, dass „Die gute Gesellschaft“ eine wäre, in der Menschen in ihren Potenzialen und ihrem Wert dann doch wieder nur an ihrer „Beschäftigungsfähigkeit“ gemessen werden. Das ewig uneingelöste Versprechen der „Vollbeschäftigung“ gäbe es dann wieder ungefragt obendrein, plus der Utopie einer Gesellschaft aus über permanentes Wachstum generierten normierten Arbeitsverhältnissen, über die dann allein soziale Sicherheit hergestellt würde. Die schlichte Tatsache aber, dass dies alles schon lange eine Lüge ist und überhaupt nichts mehr mit der Lebenswirklichkeit von immer mehr Menschen zu tun hat, ist der eigentliche Grund für die Krise unserer Demokratie im Allgemeinen und der Sozialdemokratie im Besondern. "Wohin führt aber ein politischer Diskurs und eine Politik, die den Menschen einredet, das als für alle unentbehrlich anzusehen, was nur noch immer wenigeren zugänglich ist?“ fragt der Sozialphilosoph André Gorz. Und er antwortet: Zum „Verfall und Entzivilisierung der Gesellschaft.“

Eine Abkehr vom antidemokratischen Projekt „Hartz IV“ ist deshalb auch die Bedingung für einen neuen Crossover-Diskurs oder gar eine rot-grün-rote Machtoption. Eine Bedingung, ohne die es nicht geht. Solange selbst Protagonisten wie Nahles nicht bereit sind, sich klar von ihrem Projekt einer autoritären Modernisierung des Sozialstaats zu verabschieden, wird es kein gemeinsames Projekt einer gesamtgesellschaftlichen Linken geben können. Dieses wird einen emanzipatorischen Horizont dafür umreißen müssen, wie solidarische Antworten auf die Krise gefunden werden können und wie unter heutigen Bedingungen eine Gesellschaft angestrebt werden kann, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ (Karl Marx).

Zuerst veröffentlicht am 14. Mai 09 in der Wochenzeitung Der Freitag.

Robert Zion ist Sprecher des Kreisverbandes Gelsenkirchen von Bündnis 90/DIE GRÜNEN.
Norbert Schepers ist Mitglied der Redaktion des Magazins prager frühling sowie der Partei DIE LINKE.

4. Mai 2009

Petition gegen Internetzensur

Nach der erfolgreichen Petition für ein bedingungsloses Grundeinkommen findet die Petition “Internet - Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten” beim ePetition-System des Deutschen Bundestages zahlreichen Zuspruch. Die Zehntausender-Marke wurde heute vor gut einer Stunde überschritten. Es eilt insofern, als diesen Mittwoch der von BM Ursula von der Leyen (inzwischen als "Zensursula" bekannt) initiierte Gesetzesentwurf in erster Lesung im Bundestag beraten wird.

Weitere Informationen findet sich im Web mit dem Suchwort "Zensursula", gute Einstiegspunkte finden sich u.a. bei netzpolitik.org. – Nette Aktion zum Thema: Politiker-Stopp, "Jetzt wird zurück zensiert. Wir verstecken das Netz vor Internet-Ausdruckern."

Mehr im Blog Digitale Demokratie.

28. April 2009

Sprache der «Unbelehrbaren»

Heute in meiner Mailbox: CSU-Generalsekretär Dobrindt hat den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Ackermann, kritisiert. Mit der Aufrechterhaltung des Renditeziels von 25 Prozent trotz Wirtschaftskrise spreche er «die Sprache eines Unbelehrbaren», sagte Dobrindt der «Passauer Neuen Presse». «Die Banken haben eine besondere Verantwortung in der Krise», sagte Dobrindt. Eine ausreichende Kreditversorgung für den Mittelstand und Sicherheit für die Arbeitsplätze seien «wichtiger als unrealistische Renditeziele durchzupeitschen». Deutsche-Bank-Chef Ackermann habe «die Zeichen der Zeit nicht erkannt». Dobrindt forderte: «Das notwendige Umdenken in den Banken-Chefetagen muss endlich einsetzen, dass die Hetzjagd nach Renditerekorden eine der Hauptursachen für die jetzige Krise ist.»

Schon recht, aber für solche Folklore war doch früher die SPD zuständig?

22. April 2009

LINKE im Umfragetief

Wenn am nächsten Sonntag Europawahl wäre ...: DIE LINKE mit 6 % noch unter dem Ergebnis der letzten EP-Wahlen.



Institut Auftrag-
geber

CDU/CSU SPD GRÜNE FDP LINKE Sonstige
LINKE: Zahlen für die am 16. Juni 2007 gegründete Partei DIE LINKE, vor diesem Zeitpunkt die Zahlen für PDS
22.04.09
GESS Centrum für
polit. Studien

39 % 27 % 13 % 10 % 6 % 5 %
03.04.09
Infratest
dimap
Infratest
dimap

36 % 28 % 13 % 10 % 8 % 5 %
Europawahl am 13.06.2004
44,5 % 21,5 % 11,9 % 6,1 % 6,1 % 9,8 %
Gefunden bei www.wahlrecht.de

19. April 2009

Mercedes-Werk Bremen speicherte Krankendaten

Heute in meiner Mailbox: Laut einer Meldung von AP wurden im Mercedes-Werk Bremen Krankendaten von MitarbeiterInnen illegal gespeichert.
Die Daimler AG in Stuttgart bestätigte Berichte des Senders Radio Bremen über geheime Akten, die monatelang geführt worden sind. Dem Sender sei eine CD-Rom mit dem Beweismaterial anonym übermittelt worden, teilte Radio Bremen mit. Es handele sich um Listen mit Angaben über mehr als 40 Mitarbeiter. Bei den Daten gehe es sich um umfangreiche Tabellen, in denen Abteilung, Krankheitsdauer und Krankheitsgründe festgehalten wurden. Die verschlüsselten Daten hätten einzelnen Mitarbeitern zugeordnete werden könne, heißt es laut Sender in einem anonymen Begleitschreiben.

Datenschutz ist out. Schade.
Überlegungen zur Zukunft des Datenschutzes finden sich u.a. hier bei der Digitalen Demokratie.

24. März 2009

Ada Lovelace Day 09: Anne Roth

Ada Lovelace Day 2009: "I will publish a blog post on Tuesday 24th March about a woman in technology whom I admire but only if 1,000 other people will do the same."
Ada Lovelace Day is an international day of blogging to draw attention to women excelling in technology. Women’s contributions often go unacknowledged, their innovations seldom mentioned, their faces rarely recognised. We want you to tell the world about these unsung heroines. Whatever she does, whether she is a sysadmin or a tech entrepreneur, a programmer or a designer, developing software or hardware, a tech journalist or a tech consultant, we want to celebrate her achievements.
Who was Ada?
Ada Lovelace was one of the world's first computer programmers, and one of the first people to see computers as more than just a machine for doing sums. She wrote programmes for Charles Babbage's Analytical Engine, a general-purpose computing machine, despite the fact that it was never built. She also wrote the very first description of a computer and of software.

Ich möchte deshalb an dieser Stelle auf Anne Roth hinweisen:

Ein aktuelles und bekanntes Beispiel für eine produktive Nutzung eines Weblog ist „Annalist“. Die Journalistin und Medienaktivistin Anne Roth (tweed) wurde bekannt, als sie nach der Festnahme ihres Partners, des Wissenschaftlers Andrej Holm, „über das Innenleben einer Terrorismus-Ermittlung“ bloggte. Bemerkenswert sind hier Form bzw. Stil, mittels eines öffentlichen Tagebuches das Thema Repression zu bearbeiten und den Alltag unter behördlicher Verfolgung zu schildern und zugleich politische Zusammenhänge zu bearbeiten – blogging at it’s best. (Aus einem Beitrag von mir für das Magazin »prager frühling« Nr. 02.)

Mehr zum Blog annalist in ihrem Beitrag "Innenansicht einer Überwachung" im Band: "Kontrollverluste. Interventionen gegen Überwachung: Leipziger Kamera", Initiative gegen Überwachung (Hg.), Münster (Unrast) 2009; hier als PDF.

14. März 2009

Abschied von Hartz IV im linken Wahlprogramm oder nicht?

Heute berät der Parteivorstand der Linkspartei in geschlossener Sitzung den 1. Entwurf des Wahlprogramms der Partei DIE LINKE zur Bundestagswahl 2009 – darunter auch zum Thema "Hartz IV überwinden: Eckpunkte für eine bedarfsdeckende soziale Mindestsicherung".
Bin auf den Ausgang gespannt.

Existenzielle Frage
Tom Strohschneider am 12. März auf lafontaines-linke.de
Erst Ende der vergangenen Woche hat sich in Berlin die Bundesarbeitsgemeinschaft Hartz IV gegründet - und schon sorgte der Zuspruch für ein gehöriges Maß an Selbstbewusstsein. Man habe „das Zeug dazu, zum größten innerparteilichen Zusammenschluss” in der Linken zu werden, wird AG-Sprecher Werner Schulten in der Süddeutschen zitiert (leider nicht online). 500 Mitglieder hat die Gruppe bereits und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich am Zustrom alsbald etwas ändert. Das hat zum einen damit zu tun, dass Hartz IV eine ganze Menge Mitglieder der Linken selbst betrifft und auch Nichtmitglieder große Hoffnungen in die Partei gesetzt haben. Zum anderen liegt der Erfolg der BAG wohl darin begründet, dass die Erwartungen zum Teil enttäuscht wurden.
(...) In der jetzt beginnenden Diskussion über das Bundestagswahlprogramm der Linkspartei wird das Thema Hartz sicher noch einige Wellen schlagen. Die Süddeutsche hat mit Blick darauf vorhergesagt, die Formel “Hartz muss weg” werde im Wahlprogramm sicher drinstehen. In einer Entwurfsfassung für die Vorstandssitzung am Samstag findet man die Formulierung noch nicht.
Linke will Streit über Sozialhilfe unterbinden
Berliner Zeitung vom 13. März
Parteispitze verzichtet auf Klärung im Wahlprogramm

Die Führung der Linkspartei will den internen Streit über ein allgemeines Grundeinkommen aus dem Bundestagswahlkampf heraushalten. Im Entwurf des Wahlprogramms, der der Berliner Zeitung vorliegt, finden sich deshalb zur sozialen Sicherung - einem zentralen Politikfeld der Linken - nur vage Formulierungen. Insbesondere verzichtet die Parteispitze darin auf die Festlegung, dass Erwerbsarbeit Vorrang haben solle vor dem Bezug von Sozialleistungen.

Darauf hatte sich die Linksfraktion im Bundestag Ende Januar geeinigt. Sie folgte damit einem Vorschlag vom Gewerkschaftsflügel der Partei. Seither formiert sich in der Linken massiver Widerstand gegen eine der Beschäftigung nachgeordnete Sozialpolitik. In der vorigen Woche gründeten die Gegner eine "Bundesarbeitsgemeinschaft Hartz IV". Sie kritisiert den Fraktionskompromiss, weil er nicht "mit der Hartz-IV-Logik bricht", wie BAG-Sprecher Werner Schulten sagte.

Im Wahlprogramm trägt die Parteiführung diesen Bedenken Rechnung. Zwar heißt es, die Linke wolle "gute Arbeit" mit mehr Rechten für Beschäftigte. Den eigentlichen Streitpunkt aber klammert der Entwurf aus. Auch das Nein zur Kürzung von Sozialleistungen ("fördern und fordern"), im Fraktionspapier enthalten, steht nicht ausdrücklich darin. Am Sonnabend berät der Linken-Vorstand über das Programm.

Um die Lager zu besänftigen, soll dabei eine Anhebung des Hartz-IV-Regelsatzes auf 500 Euro (derzeit 351 Euro) zum Ziel ausgerufen werden - mehr als die Linke bisher forderte. So haben es die Parteivizechefs Klaus Ernst und Katja Kipping verabredet, die Hauptkontrahenten in Sachen Grundsicherung.
Mal sehen.
Mehr zur Gründung der Linkspartei-BAG Hartz IV hier bei der Emanzipatorischen Linken.

6. März 2009

Einladung zur Gründung der AG Digitale Demokratie

Die Arbeitsgemeinschaft „Digitale Demokratie – Die Politik der Informationsgesellschaft“ will eine Leerstelle in der Linkspartei füllen.
Wir vermissen zum Thema Informationsgesellschaft bislang einen linken und progressiven Politikansatz:
• der das Potential und Chancen der Informationstechnologie anerkennt und nutzt.
• der Netzpolitik als eigenständiges Politikfeld versteht.
• der Netzpolitik auch als Sozialpolitik begreift, siehe die Einführung der digitalen Gesundheitskarte und des Jobcard-Verfahrens.
• der die Komplexität der Interessen von Akteuren – privaten NutzerInnen, Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft und Staat – in diesem Bereich analysiert transparent macht und Partizipation ermöglicht.
• der die Transparenz von Daten der öffentlichen Hand nachdrücklich einfordert und diese zugänglich macht (Informationsfreiheit).
• der die Daten-Selbstbestimmung aktiv fördert und einem digitalen Überwachungsregime entgegentritt.
Deshalb wollen wir am 16. April 2009 die „AG Digitale Demokratie – Die Politik der Informationsgesellschaft“ gründen. Wir laden dazu alle Interessierten in und außerhalb der Linkspartei ein, mit uns zusammenzuarbeiten!
Der Vorbereitungskreis freut sich auf Euer Kommen:
Lorenz Matzat, Christoph Engemann, Norbert Schepers
Kontakt: info@digitale-demokratie.org
Donnerstag, 16.04.2009
18 Uhr, bis etwa 20.30 Uhr
Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin

Mehr auf der AG-Website digitale-demokratie.org

13. Februar 2009

Linke Krisenbearbeitung

Heute in meiner Mailbox gefunden (13.02.09):
Bundesbürger lehnen Konjunkturprogramm laut Umfrage ab
Frankfurt/Main (AP) Die Bundesbürger lehnen das Konjunkturprogramm der Bundesregierung laut einer Umfrage mit klarer Mehrheit ab. Mehr Zustimmung finde das Gegenkonzept einer Wissenschaftler-Gruppe, das auf deutliche Erhöhungen bei Hartz IV, Renten und Mindestlöhnen setzt, um die Kaufkraft zu stärken, berichtet die «Frankfurter Rundschau» und verweist auf eine repräsentative Erhebung des Instituts Infratest dimap, die das Blatt gemeinsam mit den Professoren in Auftrag gegeben hat. Demnach sprachen sich unter den 1.000 Befragten 36 Prozent für das Programm der Großen Koalition und 48 Prozent für den Gegenentwurf von fünf Politikwissenschaftlern aus. Die übrigen 16 Prozent bewerten beide Ansätze gleich oder haben keine Meinung. Das Gegenkonzept fordert unter anderem die Erhöhung des Hartz-IV-Regelsatzes auf 500 Euro, einen gesetzlichen Mindestlohn von zehn Euro und 100 Euro mehr für alle Rentner, die zurzeit weniger als 800 Euro bekommen.
Wunderte sich noch jemand, dass DIE LINKE unterdurchschnittlich von der Krise "profitiert"?

Die konkreten Forderungen des besagten Gegenentwurfs mit 500 Euro etc. liegen nicht nur über aktuellen Beschlusslagen in der LINKEN, darüber hinaus haben VertreterInnen der Linkspartei im Bündnis zu den Krisendemos (am 28. März 09) verhindert, dass obige Zahlen im gemeinsamen Aufruf zu den Demos stehen.

Update April 09:
Ein halbes Dutzend Wochen später sind diese Summen Konsens im Parteivorstand der LINKEN, um dann wiederum der Redaktionsarbeit der Bundesgeschäftsstelle zum Opfer zu fallen. Nachzulesen z.B. bei Tom Strohschneider: Streit vor der Hintertür, Spektakulär schlecht, Rätselhafte Korrektur.

Krisenbearbeitung bei der Linkspartei? Bin gespannt auf Reaktionen zu sinkenden Umfragewerten.

Referenzen:
Lieber mehr Hartz IV – Über die Umfrage von Infratest dimap, welche die Professoren Grottian, Narr, Roth, Butterwegge und Massarat gemeinsam mit der FR in Auftrag gegeben hatten; FR vom 12.02.2009
Programm für wahrhaft Bedürftige – Das Konjunkturprogramm der Regierung ist ein Polster für die Privilegierten. Fünf Politikwissenschaftler entwerfen in einem Gastbeitrag für die FR ein soziales Programm für die tatsächlich Bedürftigen; FR vom 15.01.2009

11. Februar 2009

Zum Stand der Mindestsicherungsdebatte

Zum Stand der Mindestsicherungsdebatte in der Linkspartei habe ich auf der Website der Bremer Landesarbeitsgemeinschaft Bedingungsloses Grundeinkommen einen kurzen Kommentar veröffentlicht:
Mindestsicherungsdebatte: Wie gehts weiter?
Kommentar zum Stand der Mindestsicherungsdebatte

von Norbert Schepers

Die "Mindestsicherungsdebatte" in der LINKEN (siehe hier bei der LAG Bedingungsloses Grundeinkommen) hat ihren vorläufigen Abschluss durch einen Kompromiss in der Linksfraktion (siehe hier bei der Emanzipatorischen Linken) gefunden.

Die Auseinandersetzung in der Bundestagsfraktion über die Ausgestaltung eines linken Mindestsicherungskonzeptes ist damit erstmal beendet. In der Partei DIE LINKE wird die Debatte, was nach Hartz IV kommen soll, nicht nur weitergehen, sondern nun erst so richtig durchstarten - so wie es viele in der Partei gefordert haben (siehe z.B. hier bei der Emanzipatorischen Linken):
Die Fraktion hat sich auf einen gemeinsamen VORSCHLAG an die Partei einigen können (das ist der Kompromiss vom 27.01.), die Gliederungen der Partei werden eigene Vorschläge bzw. Anträge an den Bundesparteitag stellen: Dann und nicht früher entscheidet DIE LINKE über ihre Position in der Frage.

(...)
Vollständig unter www.mindestsinn.de sowie auf der Website der Bremer Linkspartei.

Passend zu dieser Debatte der Hinweis auf zwei bundesweite Initiativen:

Hartz IV muss weg! Aufruf zur LINKEN Grundsicherung
Wir rufen die Mitglieder der Partei auf, sich engagiert in die Diskussion zur LINKEN Grundsicherung einzubringen, so dass das Konzept für das Wahlprogramm auf dem Parteitag im Juni 2009 beschlossen werden kann.
Mehr dazu hier bei der Emanzipatorischen Linken.

Gründung der Bundesarbeitsgemeinschaft Hartz IV
Aufruf zur Mitarbeit in der Bundesarbeitsgemeinschaft Hartz IV zur Interessenvertretung der Erwerbslosen und prekär Beschäftigen in und bei der Partei DIE LINKE. Die konstituierende Sitzung der BAG Hartz IV soll am 06. März 2009 um 13.30 Uhr in Berlin stattfinden.
Mehr dazu hier bei der Emanzipatorischen Linken.

24. Januar 2009

Linke Hartz IV-Debatte parteischädigend?

Die Debatte über das Mindestsicherungskonzept der Bundestagsfraktion DIE LINKE geht weiter. Die umstrittene Vorlage des Fraktionsvorstandes wurde vorläufig von der Tagesordnung genommen, der inhaltliche Konflikt bleibt damit offen.

Katja Kipping, sozialpolitische Sprecherin der Fraktion und stellvertretende Parteivorsitzende DIE LINKE, hat eine sachliche Darstellung zum Konflikt geschrieben (vom 14.01.2009), nachzulesen bei der Emanzipatorischen Linken:
In einigen Medienberichten wird die Diskussion um das Mindestsicherungskonzept der Bundestagsfraktion dargestellt als ein Konflikt „Grundeinkommen versus Hartz IV light“, personalisiert durch Klaus Ernst und mich. In der folgenden Notiz möchte ich die Hintergründe dieser inhaltlichen Auseinandersetzung aus meiner Sicht beleuchten. (...)

Nun hieß es, meine Aussage, Klaus Ernst schließe eine 100prozentige Kürzung der Mindestsicherung nicht aus, sei pure Denunziation. Da Klaus Ernst sich seit Jahren, auch auf wiederholte Bitten, weigert, eine Summe zu benennen, unter die seiner Meinung nach nicht mehr gekürzt werden darf, bin ich zu dem obigen Schluss gekommen. Ich würde gerne eingestehen, dass es sich bei dieser meiner Schlussfolgerung um einen Irrtum handelt. Aber wenn die Gefahr einer 100prozentigen Kürzung ausgeschlossen werden soll, dann muss irgendeine Grenzlinie genannt werden. (...)

Tatsächlich gehen die inhaltlichen wie methodischen Vorstellungen von Klaus Ernst und mir weit auseinander. Beide Positionen sollten jedoch einen Platz in der neuen Linken haben. So sehr ich mich für meine Positionen engagiere, so wenig erwarte ich, dass diese immer eins zu eins zur offiziellen Position der Partei werden. Allerdings fände ich es politisch verheerend, wenn sich die Linksfraktion für ein Mindestsicherungsmodell ausspricht, welches eine 100prozentige Kürzung nicht ausschließt und welches sich nicht an der Armutsgrenze orientiert. Wegen dieser politischen Implikation hoffe ich, dass das Ernstsche Papier nicht unverändert bleibt. Und ich hoffe, dass die Fraktion einen Kompromiss findet.
Die beiden Fraktionsvorsitzenden Greogor Gysi und Oskar Lafontaine bezeichneten in einem Brief vom 21.01.2009 (u.a. hier dokumentiert, PDF) an die Landes- und Kreisvorsitzenden "Berichte im Internet und in den Medien ... dass das im Fraktionsvorstand diskutierte und grundsätzlich gebilligte Konzept [für eine bedarfsdeckende soziale Grundsicherung] 'Hartz IV light' sei", als "unsachliche und letztendlich parteischädigende Polemik".
Wir wollen Hartz IV überwinden und zu einer deutlich höheren und gerechteren Grundsicherung für Betroffene kommen.
Ein Antwortbrief von Carsten Labudda, Bundessprecher DIE LINKE. BAG Bürgerrechte und Demokratie, An die Fraktionsvorsitzenden vom 22.01. weist die "Diffamierung von wohl begründeter inhaltlicher Kritik als angeblich 'parteischädigend'" zurück und verweist weiter auf die in der Partei mit breiter Beteiligung zu führende Debatte zum Thema.
Lieber Oskar, lieber Gregor,

(...) Ihr verurteilt das Etikett „Hartz IV light“, aber auf die dahinter liegende inhaltliche Kritik an einem wichtigen Detail eures Grundsicherungskonzeptes geht ihr nicht ein, nämlich auf die Frage der Sanktionen. Ihr schreibt zu diesem Thema lediglich: „Der Sanktionspraxis im Bereich der Arbeitsförderung wollen wir einen Riegel vorschieben.“ Uns kann es aber nicht nur um die Überwindung der heute gängigen Praxis gehen. Uns muss es um die Überwindung von Sanktionen gegen die Armen überhaupt gehen.

Solange euer Konzept die Möglichkeit von Sanktionen noch enthält – und sei es als „ultima ratio“ – solange enthält euer Konzept einen zentralen Baustein der Funktionslogik von Hartz IV. Diese Zuordnung kann man so deutlich treffen, weil die alte Sozialhilfe vor Hartz IV die Möglichkeit der Sanktionierung unbotmäßigen Verhaltens nicht enthielt. Während die alte Sozialhilfe ein grundlegendes Recht eines jeden längere Zeit nicht erwerbstätigen Menschen war, ist Hartz IV nun eine durch den Amtswünschen gemäßes Verhalten zu verdienende Leistung geworden. Genau das aber wollen wir Linken doch gar nicht. (...)
Carsten Labudda bittet darum, den Brief innerhalb der Partei weiter zu verbreiten. Für Anregungen oder Kritik oder zur offenen Unterstützung des Briefes bitte per E-Mail an die Adresse darkrond [at] yahoo.de wenden.

Weitere Informationen und eine Auswahl von Stellungnahmen finden sich bei der Emanzipatorischen Linken sowie bei der BAG Grundeinkommen. – Über angeblich "Parteischädigende Kritik?" wundert sich auch der Journalist Tom Strohschneider in seinem Blog.

Der Parteivorstand der LINKEN hatte bereits am 13.10.2007 beschlossen, die Debatte über ein Grundsicherungskonzept der LINKEN in der gesamten Partei zu führen – was bisher offenbar unterblieb.
Über die Medien der Partei wird die Diskussion über die konkrete Ausgestaltung des Grundsicherungsmodells der LINLKEN befördert – mit dem Ziel bis zur Erstellung des nächsten Bundestagswahlprogramms die Meinungsbildung voranzutreiben.
Von einer lediglich fraktionsinternen Debatte und Beschlussfassung zu Hartz IV war hier nicht die Rede. – Bleibt die Frage an die LINKEN Fraktionsvorsitzenden, wie die Kritik ihrer Standpunkte parteischädigend sein soll, wenn die Partei sich selbst dazu noch keinen Standpunkt erarbeitet hat.

9. Januar 2009

Online-Politik blau getüncht

In der SpOn-Rezension zum Relaunch des Webauftritts der SPD, "Die Roten sind jetzt blau", schreibt Frank Patalong als Fazit:
Der Punkt, der bisher in keiner hiesigen Parteizentrale begriffen wurde: Ein wirklich erfolgreicher Polit-Auftritt im Web ist nicht abhängig von Design oder Features. Sondern von der Auffassung, mit der er serviert wird.
Da ist was dran.

Auch bei netzpolitik.org kann man Entwicklungen bezüglich Online-Wahlkampf und Politik im Netz verfolgen, Profi-Blogger Markus Beckedahl bastelt mit seiner Agentur "newthinking" an einer Serie von Mini-Studien zum Thema.
Hier die letzte Folge: 3. Kurzstudie: Politik im Web 2.0