1. Mai 2008

Nicht so possierlich wie es scheint ...

"Nicht so possierlich wie es scheint", sagt selbstironisch die Interventionistische Linke über sich mit Bezug auf ihr neues Wappentier, den Iltis. In der IL versammelt sich eine Strömung der undogmatischen radikalen Linken, welche sich schon in den Neunzigern um die Organisationsfrage als eine Konsequenz aus der Selbstkritik der Autonomen der Achtziger bemühte. Diesmal mit mehr Erfolg, zumindest eingedenk der Rolle, welche die IL als Akteurin bei den G8-Protesten 2007 spielen konnte.

... aber auch nicht so flink, wie man meint?

Konsequenterweise gehen solche Prozesse in diesem eher organisationskeptischen Spektrum nicht so flott voran, wie manche wünschen. Daher hat die kürzliche Arbeitskonferenz der IL auch eher dazu gedient, viele inhaltliche, strategische und organisatorische Fragen erstmal anzureissen, und nicht gleich auch zu beantworten.

Unter dem Titel Kurz & nicht bündig findet sich eine erste Einschätzung zum Marburger Treffen, etwas allgemein gehalten aber durchaus treffend. Anfang Juli geht es weiter.

BILD meets taz

Die Bundestagsfraktion DIE LINKE hat seit einiger Zeit eine eigene BILD-Zeitung, die "Klar". Die Debatte, ob diese "LINKE.BILD" eine angemessene Form der "Zielgruppenansprache" ist, überspringe ich hier mal zugunsten der Berichterstattung über folgende Obszönität:

Am gestrigen 30. April wurde in Berlin die Umbenennung eines Teils der Kochstraße in die "Rudi-Dutschke-Straße" gefeiert, initiiert u.a. von der tageszeitung. Die politischen Auseinandersetzungen um die Ehrung der 68er-Ikone spiegelten auch unmittelbar historische Fronten wider: Vorneweg beim Kampf gegen Dutschke war auch diesmal wieder die Axel Springer AG, deren BILD-Zeitung vor vierzig Jahren das letztlich tödliche Attentat auf Dutschke mit herbei schrieb. Die Kochstraße ist auch deshalb ein historischer Ort, da hier vor dem Springer-Firmensitz nach dem Attentat die Auseinandersetzungen mit der Medienmacht des Springer-Verlags unmittelbar praktische Formen annahm, z.B. im Versuch, die Auslieferung der BILD zu verhindern. Ein weiteres Resultat dieser Auseinandersetzungen war auch die spätere Gründung der taz.

Der die Frühstückslaune verderbende Anlaß fiel mir nun aus selbiger taz eben an diesem schönen Datum entgegen: Als Beilage die jüngste Ausgabe der linken BILD-Zeitung "Klar". Während Linke einen zumindest symbolischen Sieg über Springer feiern, wedelt DIE LINKE mit einer Art von BILD-Zeitung im Gesicht einer BILD-kritisch eingestellten LeserInnenschaft herum. Dabei von Fettnäpfchen zu sprechen, schiene mir verharmlosend.

Das Widerwärtige an dieser Werbeidee ist für mich nicht zuerst der Missgriff der Werbestrategen der Linksfraktion in Bezug auf die "Zielgruppenansprache"; die mit dem Konzept der "Klar" anvisierte Zielgruppe dürfte in der LeserInnenschaft der taz deutlich gegen Null tendieren. Diese mehrfache Deplatziertheit: Ist es noch gesteigerte Ignoranz oder schon bewusste Provokation?

Da Obszönität ja auch ein Mittel von Protest sein kann, bleibt die Frage, ob die Linksfraktion mit dieser fragwürdigen Werbeaktion gegen die taz, gegen Rudi Dutschke, oder gegen "1968" ganz allgemein protestieren wollte... Oder ist dies gar ein subversiv gemeinter Protest gegen eigene, hier offenbar gewordene Geschichtsvergessenheit?

Zur BILD-Zeitung lohnt immer ein Blick ins bekannte BildBlog, zur "Klar" findet sich dort allerdings noch nichts.

1. April 2008

Zum drauf freuen: Magazin prager frühling

Wie ich bereits hier verriet und zuvor andeutete:
Am 16. Mai 2008 erscheint ein neues politisches Magazin, an welchem ich mitwirke.

Logo Magazin prager fruehling

prager frühling
Magazin für Freiheit und Sozialismus


[Update:] Ab sofort ist auf der Website des Magazins unter www.prager-fruehling-magazin.de mehr zu erfahren: Vorschau auf die Erstausgabe, Redaktionsblog, exklusive Artikel. Bestellungen werden bereits entgegen genommen!

Das Magazin »prager frühling« erscheint als Dritteljahresschrift im VSA-Verlag und wird vom Verein »Freundinnen und Freunde des Prager Frühling e.V.« herausgegeben. Redaktion: Katja Kipping, Lena Kreck, Kolja Möller, Norbert Schepers, Jörg Schindler.
Mit »prager frühling« ist Stalinismus, bornierter Avantgardismus und Strickjäckchenspießertum nicht zu machen.
Das klingt so gut, dass sofort die ersten Abos bestellt wurden ...

26. März 2008

Third Wave Feminism

... und dessen verspätete Übersetzung als "Popfeminismus". Tara Hill gibt in dem Artikel "Die dritte Welle" einen kurzen Überblick.
Die Autorin bringt es mit einem Zitat einer der Praktikerinnen, Lady Bitch Ray, etwas zugespitzt auf den Punkt:
»Du hast einen Grund zum Feiern: Du hast eine Möse und Du bist eine Frau, die weiß, was sie will. Stehe dazu, Bitch!« Das erste der »Zehn Gebote des Vagina Styles« von Lady Bitch Ray zeigt die Generationsunterschiede zwischen den Feministinnen: Hier die 27 Jahre junge, deutsch-türkische »Porno-Rapperin«, da die entsetzte Reaktion feministischer Vertreterinnen, die von 1968 schwärmen.

Siehe Jungle World 12/2008.

24. März 2008

God shave the Queen

Einer der Gründe, warum der Schauspieler Sean Connery mitunter recht lustig sein kann: sein schottischer Akzent. Also DVD einlegen und englischen Originalton wählen, das klingt dann so: "God shave the Queen".
Gesagt hat Connery tatsächlich "God save the Queen" – nur um gleich darauf noch festzustellen, "That's about as patriotic as it gets around here" (siehe League of Extraordinary Gentlemen, 2003).

14. März 2008

Gibson über Obamas Transzendenz

Der Autor Willam Gibson, Erfinder des Begriffs Cyberspace und einer der Begründer des legendären Cyberpunk-Genres, im Interview mit Ulrich Gutmair in der taz vom 14.03.2008:

"Obamas Transzendenz"

William Gibsons Roman "Quellcode" handelt von der Angst. Der Erfinder des Cyberspace über die Renaissance der Apokalypse, YouTube und die US-Vorwahlen.


(...) Ich glaube, er denkt tatsächlich, dass die Regierung dafür da ist, den Leuten zu dienen und sie zu beschützen, und dass sie eben nicht in den Händen verrückter Apokalyptiker liegen sollte.

Auch bei den Demokraten scheinen die Rollen diesbezüglich klar verteilt. Clinton steht eher für die Idee, die Institutionen seien verbesserbar, während Obama der charismatische Typ ist, der vom Licht spricht, das von oben kommen wird, wenn er erst Präsident ist.
In gewisser Hinsicht predigt Obama Transzendenz: "Yes, we can." Das heißt aber nicht notwendigerweise, dass Obama ein schlechterer Präsident als George W. Bush sein würde. Ich glaube, dieser Verweis auf Transzendenz ist ein Teil der kulturellen Erfahrung Amerikas. Es braucht immer eine besondere Art von Dunkelheit, um sie zum Vorschein zu bringen, meist ist auch ein Generationswechsel im Spiel. Das Wettrennen zwischen Clinton und Obama wird in 25 Jahren nicht anhand von Hautfarbe oder Geschlecht bewertet werden, sondern unter dem Gesichtspunkt des Alters. Wenn Obama nämlich dieses Rennen gewinnen und zum Präsidenten gewählt werden sollte, dann wird er von Leuten gewählt worden sein, die sehr jung sind. Bei diesen demokratischen Vorwahlen haben sich so viele Leute wie nie zuvor beteiligt. Es ist nicht so, dass die Sixties wiederkommen, Gott bewahre, aber vielleicht ist es eine neue Version davon. Das hat wiederum viel mit dem zu tun, worüber Norman Cohn schreibt.

Letzteres bezieht sich auf ein Buch über apokalyptische Bewegungen im Mittelalter, mit welchem "sich auf wunderbare Weise unsere Gegenwart verstehen" ließe. - Vielleicht ist ein Charismatiker wie Obama tatsächlich die notwendige Alternative nach der Herrschaft der Apokalyptiker in den USA.

William Gibsons jüngstes Buch Spook Country erschien im Herbst 2007, vor kurzem auf deutsch als "Quellcode" (LektorInnen haben mitunter seltsame Einfälle).

Für eine Linke, die dazwischen geht

Die Interventionistische Linke (IL), ein bundesweiter Zusammenschluss von Einzelpersonen und Gruppen aus der undogmatischen und post-autonomen Linken, war bei den G8-Protesten 2007 ein zentraler Akteur und hat in der Heiligendamm-Mobilisierung ein deutliches Zeichen setzen können. Die IL ist quasi Ausdruck einer "aufgeklärten radikalen Linken" und setzt im Gegensatz zum Nischensektierertum auf eine strategische Bündnisorientierung, die die Zusammenarbeit mit anderen Strömungen der gesamten Linken nicht nur für konkrete, kurzfristige Projekte anstrebt, sondern als Voraussetzung für die Schaffung gesellschaftlicher Gegenmacht ansieht. Zitat von einem der Akteure: "Aus dem gleichen Grund ist die IL auch kein Ansatz zur Gründung einer weiteren, parteiförmigen Organisation in Konkurrenz zu bereits bestehenden, sondern ein offenes Projekt, das sich durch Intervention in praktische Kämpfe entwickeln soll."

Offene Arbeitskonferenz der Interventionistischen Linken vom 25.- 27. April 2008 in Marburg, siehe Einladung:
Die 2. Offene Arbeitskonferenz ist offen für alle Menschen und Gruppen, die neugierig auf die Interventionistische Linke sind und sich vorstellen können, an dem Prozess der Organisierung unserer Strömung teilzunehmen. Die Teilnahme verpflichtet zu nichts – außer zur Bereitschaft zur offenen und solidarischen Diskussion.

Fein. Nur, warum in Marburg?

2. März 2008

"Das ist nicht mal in mir selbst entschieden"

Die taz brachte hintereinander zwei intelligente Artikel zu den Koalitionsoptionen der SPD nach der Landtagswahlen.

Macchiavelli & Ypsilanti
von Micha Brumlik in der taz vom 29.02.2008
Brumlik stellt in seinem Kommentar Reflexionen über Wortbruch, politische Moral und "Treue im Versprechen" (Kant) an - nur mit Ersterem scheint es Andrea Ypsilanti in Hessen möglich zu sein, noch zu einem Regierungsbündnis zu kommen.
Sowohl Kurt Beck als auch ganz besonders Andrea Ypsilanti haben in geradezu unheimlicher Weise bewiesen, wie recht Kant hat. So hat sich die sympathische hessische Spitzenkandidatin als moralische Person bereits aufgegeben. Keine böse Nachrede ist es, dass sie auf Fragen nach ihrer Bereitschaft, sich eventuell mit Stimmen der Linkspartei zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen, gesagt hat: "Das ist nicht mal in mir selbst entschieden." Andrea Ypsilanti sagte nicht etwa: "Das habe ich noch nicht entschieden", sondern, und man muss sich ihre Aussage auf der Zunge zergehen lassen: "Das ist nicht in mir entschieden." Die Kandidatin als Hohlraum, in dem irgendwelche anonymen Prozesse vor sich gehen. Indem sich Frau Ypsilanti als verantwortliche und entscheidungsfähige Person vor laufenden Kameras zerstört und so für das Land Hessen erhebliche Entscheidungen unbelangbaren Instanzen, die mit ihrer Person nicht identisch sind, überlassen hat, begab sie sich sogar des Restkapitals einer "verantwortungsethischen" Politikerin. Denn sogar von Personen, die sich an Macchiavellis "Principe" orientieren, wäre doch wenigstens zu erwarten, dass sie ihre Entscheidungen selbst treffen und zu deren Folgen stehen.

Man mag ergänzen: Warum sollte sich die Linkspartei zu dieser Selbstzerstörung dazu gesellen? Aus dem Versprochenen folgte die Abwahl von Herrn Koch im Landtag, Frau Ypsilanti würde Ministerpräsidentin, aber es gäbe keine Koalition der LINKEN mit Rot-Grün (was alle Seiten ja auch nicht wollten). Wir erinnern uns: Zu den vor der Wahl durch Ypsilanti u.a. ausgeschlossenen Dingen gehörten desweiteren auch sowohl eine Minderheitenregierung wie eine große Koalition - die Liste der verbliebenden Optionen für die SPD ist extrem kurz und man kann sich fragen, ob hier auf Neuwahlen gepokert wird, für welche SPD und Grüne hoffen, eine Schuldzuweisung dafür bei FDP und LINKEN abzuladen, um dann ihren Poker vom letzten Mal zu wiederholen: Blindes Hoffen, das sie die LINKE aus dem Landtag halten können, damit es für Rot-Grün reicht. - Auch hier droht der Running Gag, “solange abstimmen lassen, bis das Ergebnis stimmt”, bittere Realität zu werden. Nebenbei scheinen die ProtagonistInnen von Rot-Grün auch konsequent auszublenden, dass es ohne DIE LINKE im Hessischen Landtag bereits eine Schwarz-Gelbe Koalition gäbe. - Mit dem Fünf-Parteien-System gilt nun bisweilen auch: Wer am Ende nicht die CDU als Regierungspartei haben will, darf Rot & Grün erst gar nicht wählen, zumindest nicht in Hessen und Hamburg.

"Der Linkskurs ist nicht gefährlich für die SPD"
Interview mit Franz Walter in der taz vom 01.03.2008
Parteienforscher Franz Walter hält den Kurswechsel von SPD-Chef Beck in Richtung Die Linke für richtig - nicht aber die an Schröders Politikstil erinnernde Art.

PS.
Zum Zitieren unkomfortabel: Die Titel und Aufmacher der Online-Ausgabe weichen mal wieder von der Print-Fassung ab. Was denken sich die RedakteurInnen eigentlich dabei?