14. März 2008

Gibson über Obamas Transzendenz

Der Autor Willam Gibson, Erfinder des Begriffs Cyberspace und einer der Begründer des legendären Cyberpunk-Genres, im Interview mit Ulrich Gutmair in der taz vom 14.03.2008:

"Obamas Transzendenz"

William Gibsons Roman "Quellcode" handelt von der Angst. Der Erfinder des Cyberspace über die Renaissance der Apokalypse, YouTube und die US-Vorwahlen.


(...) Ich glaube, er denkt tatsächlich, dass die Regierung dafür da ist, den Leuten zu dienen und sie zu beschützen, und dass sie eben nicht in den Händen verrückter Apokalyptiker liegen sollte.

Auch bei den Demokraten scheinen die Rollen diesbezüglich klar verteilt. Clinton steht eher für die Idee, die Institutionen seien verbesserbar, während Obama der charismatische Typ ist, der vom Licht spricht, das von oben kommen wird, wenn er erst Präsident ist.
In gewisser Hinsicht predigt Obama Transzendenz: "Yes, we can." Das heißt aber nicht notwendigerweise, dass Obama ein schlechterer Präsident als George W. Bush sein würde. Ich glaube, dieser Verweis auf Transzendenz ist ein Teil der kulturellen Erfahrung Amerikas. Es braucht immer eine besondere Art von Dunkelheit, um sie zum Vorschein zu bringen, meist ist auch ein Generationswechsel im Spiel. Das Wettrennen zwischen Clinton und Obama wird in 25 Jahren nicht anhand von Hautfarbe oder Geschlecht bewertet werden, sondern unter dem Gesichtspunkt des Alters. Wenn Obama nämlich dieses Rennen gewinnen und zum Präsidenten gewählt werden sollte, dann wird er von Leuten gewählt worden sein, die sehr jung sind. Bei diesen demokratischen Vorwahlen haben sich so viele Leute wie nie zuvor beteiligt. Es ist nicht so, dass die Sixties wiederkommen, Gott bewahre, aber vielleicht ist es eine neue Version davon. Das hat wiederum viel mit dem zu tun, worüber Norman Cohn schreibt.

Letzteres bezieht sich auf ein Buch über apokalyptische Bewegungen im Mittelalter, mit welchem "sich auf wunderbare Weise unsere Gegenwart verstehen" ließe. - Vielleicht ist ein Charismatiker wie Obama tatsächlich die notwendige Alternative nach der Herrschaft der Apokalyptiker in den USA.

William Gibsons jüngstes Buch Spook Country erschien im Herbst 2007, vor kurzem auf deutsch als "Quellcode" (LektorInnen haben mitunter seltsame Einfälle).